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WENIGER IST MEHR?

Bernhard Jäckle ist umgeben von Frauen. 22. Alle haben Hörner, tummeln sich in seinem Stall in Käferhofen bei Wangen und können zickig sein. Er kennt die Kandidatinnen: Die eine, die sich immer zur Anführerin aufspielt und eine andere durch den Stall jagt, durchs Tor hinaus in die Freiluftzone, zum anderen wieder herein. Oder die, die Neuankömmlinge vom Futter wegdrängt. Er kennt die Freundeskreise. Dem Bulle, dem einzigen hier, ist das sowas von egal. Er ist nonstop beschäftigt mit schöneren Dingen. Von November bis April ist es sein Job, jede Dame persönlich zu beglücken, damit es im Herbst Nachwuchs gibt. Woanders wird den Mutterkühen in spe Bullensamen gespritzt, Natursprung war gestern. Bernhard Jäckle und seine Frau Anita aber leihen sich ein halbes Jahr lang einen Bullen. Künstliche Befruchtung funktioniere schlechter und sie wollen keine Hochleistungskühe züchten mit Erbmaterial eines aktuell gerankten Hochleistungsbullen. Auch jetzt ist der von ihnen gewählte Leihpapa zu Gange… 

Kein Kuhstallgeruch.

Der typische Kuhstallgeruch schlägt einem aus diesem Stall nicht entgegen. Weil die Kühe nicht eingepfercht nebeneinander stehen, im eigenen Mist? Weil Luken, Tore und Fenster geöffnet sind, obwohl November ist? Die Kühe mögen das. Wie auch immer, es ist sonderbar: Der Stall duftet sogar. Nach Klee, Gräsern, Wiesenkräutern. Jäckles Vegetarierinnen erhalten regionale Bio-Spezialitäten der eigenen Wiesen. Das Landwirtspaar düngt nur mit dem Mist seiner Kühe, stark mit Wasser verdünnt. Bernhard Jäckle: „Ich will die Böden schonen. Man weiß ja, dass heute zu viel Stickstoff und Nitrat drin stecken.“ Ein Problem von Überdüngung, auch wenn die im Frühling schöne Löwenzahnfelder schafft.

Einmal pro Woche gibt es Nahrungsergänzungsmittel; Mineralien, konzentriert in Lecksteinen. Ansonsten stecken nur die Nährstoffe von Heu und Gras in der Milch. 5000 bis 6000 Liter produziert jede Kuh des Naturland zertifizierten Hofs im Jahr. Die Kühe sind zwar zum Milch geben gezüchtet, aber keine Hochleistungskühe. Die pressen heute doppelt so viel heraus und werden als Fünf- bis Siebenjährige geschlachtet. Anita Jäckle: „Denen wird ja alles abverlangt.“ Sie bräuchten deshalb spezielles Kraftfutter und öfter einen Arzt. Unter Jäckles Damen sind dagegen einige Seniorinnen, bis zu 17 Jahre alt. Wie Hilde und Suse, die sich gerade abwechselnd unter die elektronische Bürste stellen zur Rückenmassage.

Das Ehepaar tritt aus dem Stall in den Garten, umgeben von Wiesen. Der Aussiedlerhof liegt auf einem Buckel. Es scheint, als hätte sich jede Familie einen anderen ausgesucht. Anita Jäckle runzelt die Stirn. „Schade, so trübes Wetter heute. Ständig haben wir hier Sonne und sehen bis zu den Schweizer Bergen.“ Über den Bodensee drüber, der irgendwo da unten liegen muss. Milchpackungs-Alpenpanorama. Jäckle, der exakt an diesem Fleckchen aufgewachsen ist und den Hof seiner Eltern übernommen hat, erzählt von Freunden, die sagen: „Fliegt nach Mallorca, ihr müsst woanders hin. Abschalten.“ Er schüttelt den Kopf, wie er es dann wohl immer macht. „Wir haben es doch so schön vor der Haustür.“ Das Paar zieht es in die Berge oder in den Liegestuhl auf der Terrasse. Im Sommer geht das perfekt. Es lässt die Kühe im Herbst abkalben statt im Frühling. Vor dem Gebären müssen die Kühe trocken stehen, man darf sie nicht melken. „Dadurch haben wir mehr Freizeit im Sommer.“ 

Anfang 2016 wurde die Milchquote abgeschafft. Seit 1984 mussten sich Bauern eine Quote hinzukaufen, um mehr Milch produzieren zu dürfen. Das sollte „Butterberge“ und „Milchseen“ verhindern. Wer „überlieferte“, musste Strafe bezahlen, was einige in Kauf nahmen. Es war ein Versuch, die Sache in den Griff zu kriegen. Doch auch in den vergangenen Jahren marschierten Landwirte immer wieder nach Brüssel, um auf ihre Unterbezahlung aufmerksam zu machen. Es war immer noch zu viel Milch da. Als sich das Quotenende anbahnte, begannen sich Jungbauern Gedanken zu machen: Hof aufgeben wegen zunehmender Konkurrenz oder investieren? Mehr Fläche, größerer Stall, mehr Kühe? Im deutschen Durchschnittsstall leben 50 bis 60 Kühe. Mittlerweile gibt es welche mit 500, sogar in Süddeutschland. Letztes Jahr sorgte ein für 1000 Tiere von vier Landwirten gemeinsam geplanter „Milchpark“ in Ostrach am nördlichen Bodensee für Wirbel. 

Die Jäckles lässt das kalt. Sie sind mit ihrem – Mikrostall – zufrieden. Eine Kuh braucht einen Hektar, so rechnet Bernhard Jäckle, der Kaufmann gelernt hat. „Hätten wir 40 Hektar, hätten wir vielleicht 40 Kühe.“ Aber nach Mehr ist dem Paar gar nicht. „Uns geht es gut.“ Existenzsorgen? Nein. Das liegt auch daran, dass es an die Käserei „Zurwies“, wenige Buckel entfernt, liefern darf; die nimmt nur Bioland- und Demeter-zertifizierte Landwirte unter Vertrag. Jeden Tag könnte Zurwies 73 Wannen mit Milch füllen. Aus vier Millionen Litern im Jahr entstehen Weichkäse, Joghurt, Trinkmilch und Sahne. Die Milch muss strengen Kriterien genügen: keine Kunstdünger, keine Herbizide, Pestizide, kein Gärfutter, sprich: kein Silofutter, oder konventionelles Milchleistungsfutter, artgerechte Haltung. Als Gegenleistung zahlt die Käserei konstant zwischen 46 und 50 Cent. Von Oktober bis März bekommen die Jäckles 6,6 Cent Zuschlag pro Liter, weil sie auf Silofutter verzichten und Heu füttern. Das müssen sie mit viel Energie trocknen. Erreicht ihre Milch die höchste Qualitätsstufe, gibt’s 2 Cent obendrauf. Von solchen Preisen träumen konventionelle Landwirte nachts. Sie sind dem Weltmarkt unterworfen. Bio ist davon noch relativ unabhängig, weil es noch kein Überangebot gibt. 

Zwei Berliner wollten sich im Allgäu selbst versorgen.

Zum Reifen fügt Zurwies Lab, Salz und Bakterien-Kulturen hinzu. Keine antibiotischen Reifemittel, Milchsäure und künstliche Aromen. Und damit der Käse auch in den Theken norddeutscher Naturkostläden und einiger europäischer Länder landet, hat sich die Käserei den Ökologischen Molkereien Allgäu (ÖMA) angeschlossen. Sie vermarkten mehr als 200 Milchprodukte, Bioland, Biokreis, Demeter oder Naturland zertifiziert. Pro Jahr sind das rund 40 Millionen Liter Milch. Vor mehr als dreißig Jahren gründeten die Pädagogen Heide und Hermann Beer in Kisslegg, eine Viertelstunde von Wangen entfernt, erst einen Naturkostladen, dann daraus heraus die ÖMA. Die Berliner waren ins Allgäu gezogen und wollten sich selbst versorgen. 2001 gaben sie ÖMA an langjährige Lieferanten ab: Erst an die genossenschaftlich organisierte Domspitzmilch, heute Bayernland eG, dann kamen die genossenschaftlichen Molkereien „Allgäu Milch Käse eG“ aus Kimratshofen und die „Allgäuer Emmentalkäserei Leupolz eG“ als Gesellschafter hinzu. 2014 zog man aus Platzgründen ins 30 Kilometer entfernte Lindenberg um, dem heutigen Sitz. Die meisten der 50 Mitarbeiter zogen mit.

Das Allgäu – so viele Bio-Betriebe wie fast nirgendwo sonst

Im Lager reihen sich Meter hohe Regale, bestückt mit Käselaiben fast so groß wie Autoreifen, teils 70 Kilo schwer. Alle sieben bis zehn Tage wird der Lagerinhalt komplett umgeschlagen. Jedes Mal 800.000 Euro. Die Firma steigert ihren Umsatz konstant um drei bis fünf Prozent jährlich. Die Bundesregierung beziffert die Zuwächse der vergangenen 15 Jahre aus der Ökobranche mit bis zu acht Prozent. Geschäftsführer Michael Welte freut sich, sieht den Boom aber realistisch. „Biomilch macht noch immer nur drei Prozent der Gesamtmilchmenge aus.“ 

Kaum eine Region Europas war und ist derart von Milchwirtschaft geprägt wie das Allgäu. Gleichzeitig nimmt es gemeinsam mit der Bodenseeregion im Bundesvergleich eine Spitzenstellung unter den Bioregionen ein. Welte: „Viele Landwirte hat wohl das Erleben unbelasteter Natur dazu bewogen, ihren Umgang mit Land und Boden zu überdenken und unsere Kulturlandschaft zu erhalten. Eine gut vernetzte Bio-Infrastruktur hat sich ergeben.“

Hörner pulsieren und können bluten. 

Ökologisch wirtschaftende und kleine Landwirte wie Bernhard und Anita Jäckle sind froh, dass sie Abnehmer haben, die ihren schonenden Umgang mit Tier und Natur mit fairer Bezahlung honorieren. Nur so können Betriebe wie ihrer trotz Industrialisierung von Bauernhöfen existieren. Jäckles pflegen die kleinteilig geprägte Landschaft, zerschneiden sie nicht durch eine Tierfabrik. Bernhard Jäckle weiß dennoch, dass er der letzte nach mehreren Generationen in der Familie sein wird, der den Hof führt. Keines der drei Kinder mag ihn haben. Etwas traurig macht ihn das. Er fasst Franzi an die Hörner. „Wenn es ihr gut geht, sind sie warm.“ Er kann es nicht verstehen, wie man Kühen die Hörner entfernen kann, damit sie sich in engen Ställen nicht gegenseitig verletzen. Hörner sind kein totes Material. Sie pulsieren, können bluten. Und ohnehin. „Kühe ohne Hörner haben für mich kein Gesicht. Die sind für mich nicht schön.“

 

Info:

http://www.zurwies.com/
Die Käserei Zurwies produziert nur (Weich-)Käse auf Heumilchbasis. Sie wurde 1899 gegründet und wird von 21 Vertragslandwirten beliefert.
http://www.oema.de/kontakt/index.php
Die Ökologische Molkereien Allgäu (ÖMA) gibt es seit 1986. Sie vermarkten die Milchprodukte von 30 bis 40 Molkereien und Käsereien. 2015 hat ÖMA einen Umsatz von 30,5 Millionen Euro gemacht.